Cabaret der alten Neuigkeiten - Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien

Cabaret der alten Neuigkeiten

Partizipative Stückentwicklung auf Basis historischer Quellen über Kunst in angespannten Zeiten

Die Ursprungsidee

Das künstlerisch-wissenschaftliche Kommunikationsprojekt Cabaret der alten Neuigkeiten hat Jugendliche und junge Erwachsene dazu eingeladen, sich mit historischem Wissen und dem aktuellen Tagesgeschehen kritisch-reflektierend auseinanderzusetzen. In einem partizipativen Prozess entwickelten Schüler*innen der De la Salle Schule Strebersdorf (Klassenvorstand: Miriam Schmid) gemeinsam mit Studierenden der MUK und einem künstlerisch-pädagogischen Team, bestehend aus dem Regisseur Iñigo Giner Miranda, Univ. Prof.in Dr.in Wiebke Rademacher und Szenografin Angela Ribera, eine collageartige Bühnenproduktion im Cabaret-Stil, die originale Text- und Bildquellen mit Musik aus der Zeit zwischen 1918 und 1933 verschränkt und auf ihre Relevanz im Heute befragt hat. Dabei spürten die Projektteilnehmer*innen gesellschaftliche Parallelen zwischen den 1920er und 2020er Jahren auf – von weltweiten Pandemien, Fake News, über feministische Forderungen bis hin zur Sorge vor einem erstarkenden Populismus.

Teil des Entwicklungsprozesses waren Workshops und Seminare, in denen die Schüler*innen und Studierenden tief in die Originalquellen eintauchen und selbst forschend tätig werden konnten. Zu den fünf Abschlussvorstellungen im Dschungel Wien wurden weitere Schüler*innen aus ganz Wien eingeladen, die zudem in begleitenden Workshops die Arbeitsweise des Projekts und die Quellen kennenlernen konnten. Darüber hinaus wurden die Projektergebnisse im digitalen Raum einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Das Projekt hat Methoden der Citizen-Science, der Community Music, der Peer-Education und des dokumentarischen Theaters aufgegriffen. Es ging dabei von der Hypothese aus, dass künstlerische Formate und Prozesse es (insbesondere jungen Zielgruppen) ermöglichen, aktuelle Themen emotional zugänglich zu machen und zum Nachdenken anzuregen. Über den „Umweg“ der Geschichte hat das Projekt versucht, bei Jugendlichen Interesse an der Auseinandersetzung mit dem aktuellen Zeitgeschehen und dessen Widerhall in der Kunst zu wecken.
 

Der Prozess

Französischer Jura, irgendwo in der Provinz, 1. August 2022: Eine unbekannte Nummer ruft bei Wiebke Rademacher an. Die MA7 in Wien ist am Apparat. Es hat geklappt: das Cabaret der alten Neuigkeiten erhält die Förderung im Rahmen des Calls Vom Wissen der Vielen. Eine Reise beginnt.

Wien, Dschungel, 18. November 2022: Gute Nachrichten aus dem Dschungel Wien – wir bekommen die große Bühne Anfang Juni 2023. Das liegt für die Schulen kurz vor Zeugnisschluss zwar nicht optimal, aber wir werden die Schulleitung schon überzeugen!

Wien, MUK Johannesgasse, 19. & 20. November 2022: Kick-Off Workshop mit den MAE-Studierenden. Sie springen beherzt in den Quellenpool, in Windeseile füllt sich ein MIRO-Board mit spannenden Artikeln über Architektur, Queerness, Tanz, Drogenmissbrauch, politische Krisen und vieles mehr in den 1920ern. Sie lernen ANNO, eine digitale Datenbank mit historischen Zeitungen kennen und entwerfen erste Vermittlungsideen.

Wien, Café Prückel, 21. November 2022: Miriam Schmid, Iñigo Giner Miranda und Wiebke Rademacher trinken ein erstes Soda Zitron zusammen und sind sich einig: das ist die perfekte Kooperation. Für alle organisatorischen Schwierigkeiten werden wir Lösungen finden.

Wien, MUK Johannesgasse, 18. März 2023: Kleine Schattenfigurenprototypen werden aus Pappe gebastelt, die Idee zum Publikumsquiz Damals oder Heute wird geboren, eine Choreographie zu einem Wiener Lied wird aus dem Boden gestampft – immer klarer wird das Bild, was da entstehen könnte, vor den inneren Augen.

Wien, De la Salle Schule Strebersdorf, 21. März 2023
Iñigo Giner Miranda und Wiebke Rademacher lernen die Schüler*innen kennen und erzählen vom Projekt. 24 aufgeregt-vorfreudige Augenpaare schauen uns an. Zum Abschluss fragen sie: „Habt ihr Lust?“ Allseitige Zustimmung. Dann kann es jetzt richtig losgehen.

Wien, De la Salle Schule Strebersdorf, 22. März 2023
Wir kommen in großer Besetzung zurück – die Studierenden haben drei einstündige Workshops vorbereitet, den die Schüler*innen in Kleingruppen reihum erleben. Im Tanzsaal gibt es die erste Lektion Charleston mit Matilde und Martyna. Die Schüler*innen sind erstaunlich fit und merken sich die Schritte gleich. Im Gruppenraum sind historische Quellen zu erleben: echte Zeitungen aus den 1920ern werden mit weißen Handschuhen durchblättert, ein Crashkurs Frakturschrift hilft dabei. Historische Filme werden gesichtet und Selfies mit Accessoires aus den 1920ern gemacht. Im Klassenzimmer gibt’s derweil eine kleine Einführungsvorlesung in den Wiener Gemeindebau der 1920er, um dann selbst mit Origamipapier zu Architekt*innen zu werden.

Wien, Dschungel, 23. März 2023
Die große Bühne wird besichtigt – Angela entwickelt die Idee zu dem Kaffeehaussetting, um alle Schüler*innen während der gesamten Vorstellung auf der Bühne zu haben.

Wien, De la Salle Schule, 29. März 2023
Die Filmvermittler Gerhardt Ordnung und Fesih Alpagu kommen zu einem Workshop in die Schule und erklären historische und heutige Prinzipien der Filmgestaltung.
Im Gepäck haben sie spannendes Filmmaterial aus dem Filmarchiv Austria und dem Filmmuseum

Wien, WhatsApp, 30. März 2023
Unsere studentische Mitarbeiterin Sarah ist frustriert: Die Akquise von Schulen läuft schleppend, die Sekretariate wimmeln einen unter einem Vorwand ab oder bekunden ganz offen Desinteresse, niemand antwortet auf Mails. Auch die ersten Auslastungszahlen vom Dschungel sind alles andere als berauschend. Auch für die Einführungsworkshops gibt es noch keine Anmeldungen. Unser Rat: nicht Aufregen und nach den Ferien mit neuer Kraft weitermachen.

Wien, De la Salle Schule, 31. März 2023
Es wird konkreter: ein Team entwickelt Ideen für eine neue Synchronisierung von altem Filmmaterial in heutiger Jugendsprache, ein anderes finalisiert die Choreographie für den Charleston und experimentiert mit Tableaux Vivantes, ein Drittes erstellt einen Social-Media-Content-Plan und generiert Bildmaterial.

Wien, ART for ART Kostümfundus, 19. April 2023
Nachdem Angela sich durch kilometerlange Regalwände voll Cinderella-, Nonnen- und Ritter-Kostümen gewühlt hat, ist heute Tag für die Anprobe. Die Schüler*innen und Studierenden probieren Palliettenkostüme und Fräcke an.

Wien, De la Salle Schule, 21. April 2023
Die Zeit fliegt: im letzten Workshop in der Schule entsteht die Tonspur für die historischen Filme, das Nachrichtenkarussell wird gestellt und unsere Stadt der Zukunft aus Papier wird fertig gebastelt. Wir sehen uns im Dschungel!

Wien, WhatsApp, 15. Mai 2023
Miriam berichtet von leicht nervöser Unsicherheit bei den Schülerinnen: „Was soll da eigentlich in zwei Wochen auf der Bühne passieren? Müssen wir noch was vorbereiten oder mitbringen? Klar, wir haben ein paar Charlestonschritte geübt, aber wie soll da eine ganze Show draus werden?“ Vor lauter Vorbereitungstrubel hat das künstlerische Team versäumt, alle auf den Stand zu bringen. Eine Videobotschaft versucht ein bisschen Klarheit zu schaffen und die Vorfreude wieder zu steigern.

Wien, E-Mail-Postfach, 17. Mai 2023
Die neuesten Auslastungszahlen aus dem Dschungel werden von Sarah weitergeleitet: über 500 verkaufte Tickets. Hat sich der große Akquiseaufwand doch gelohnt – wir werden vor fast ausverkauftem Haus spielen dürfen!

Wien, Johannesgasse, 19. Mai 2023
Die Nerven liegen blank. Kurz vor knapp springt die Spedition ab, die unser Bühnenbild in den Dschungel transportieren sollte. Wie finden wir so kurzfristig und zwischen lauter Feiertagen noch einen Ersatz? Viele Telefonate später - gibt es eine Lösung, puh!

Wien, Dschungel, 22. Mai 2023
Es wird ernst: zwei Garderobenständer voll historischer Kostüme werden geliefert, ebenso wie ein Klavier und ein großer Tanzboden in Schachbrettmuster. Die Proben können beginnen.

Wien, Dschungel, 23.-25. Mai 2023
Die Endproben verlaufen wie im Rausch, parallel wird getanzt, gesprochen, geschnippelt, geklebt, gefilmt, gelacht, geschimpft, geändert... Das Libretto ist fertig, der Plan steht: Er muss jetzt nur noch in die Köpfe und in die Körper.

Wien, Dschungel, 26. Mai 2023
Erste Durchlaufprobe – mit großer Aufregung erwarten wir, wie sich alles zusammenfügt. Wird es zu lang dauern? Wird ein Schuh daraus? Werden alle wissen, wann sie dran sind? Es ist anstrengend, aber am Ende sind wir alle sicher: das wird sehr schön werden.

Wien, Dschungel, große Bühne, 30-31. Mai 2023
Die Cabaretbühne ist aufgebaut, das Licht gehängt: die Generalprobe kann beginnen. In Kostüm und Schminke erleben wir die Show zum ersten Mal dort, wo sie hingehört.

Wien, Dschungel, 1. Juni 2023
PREMIERE! Der Saal ist gerappelt voll, die Spannung groß. Die ersten Sätze werden gesprochen, das Publikum lacht, wo es lachen soll, ist mucksmäuschenstill, wo es zuhören soll. Unsere Erwartungen werden übertroffen – es funktioniert, unser Cabaret. Kaum durchgeatmet, folgen die zweite und die dritte Vorstellung noch am selben Tag. In der Pause nutzen die Schüler*innen das Bühnenbild, um TikTok- Videos zu drehen, die unser Regisseur als Photobomb crasht.

Wien, Dschungel, 2. Juni 2023
Noch zwei Mal geht der Vorhang auf. Es fließen erste Tränen bei den Schüler*innen: schon vorbei? Das ging so schnell. Wir sind stolz und erschöpft. Der Abbau klappt dank vieler Hände in Rekordzeit.
 

Die Wirkung

Die Rückmeldungen von den Schülerinnen, den Studierenden, dem künstlerischen Team und dem Publikum machen deutlich, dass das Projekt bei allen Beteiligten vor und hinter der Bühne nachhaltige Wirkung entfaltet hat.

Schüler*innen aus dem Publikum
Ich mochte es besonders, dass viele Themen angesprochen wurden und dass es sehr witzig gemacht wurde. Dass es musikalisch war, fand ich auch sehr gut. Mich haben vor allem die Dinge im Spiel „Damals oder Heute” sehr positiv, aber auch negativ überrascht. Die alten Zeitungsartikel und diese Gedanken und Schriften von damals zu hören, war sehr spannend und neu für mich. (Rosa, Schülerin im Publikum)

Mir hat die Show sehr gut gefallen. Am besten fand ich, wie alle getanzt haben. Die Musik hat richtig gute Laune gemacht und ich hätte sofort mittanzen können. Es hat mich überrascht, wie das Leben früher wirklich war. Und sehr lustig war es auch. Ich würde die Show auf jedenfall weiterempfehlen und habe es auch schon getan. (Julia, Schülerin im Publikum)

Mir hat es sehr gut gefallen, wie paar Kinder aus dem Publikum mitmachen konnten. Mich hat das mit dem Brückel sehr überrascht. Vieles aber auch das mit dem Brückel. (Fini, Schüler im Publikum)

Lehrer*innen aus dem Publikum
Meine Schüler sind (abgesehen von Schulausflügen) noch nicht oft in den Genuss von Kulturveranstaltungen gekommen. Das hat man daran gemerkt, dass sie nicht wissen, wie man sich da verhält. Aber: Spätestens die interaktiven Elemente der Vorführung haben die Kids gepackt und in ihren Bann gezogen. Es hat ihnen sehr gut gefallen und ich bin mir sicher, dass sie auch einiges mitgenommen haben. Mir persönlich hat es ausgezeichnet gefallen, ich war begeistert von der Performance!
(Lukas L., Lehrer)

Ich fand das Cabaret sehr, sehr gut. Faszinierend für mich war, dass wirklich vieles von vor 100 Jahren aktuell ist, oder noch immer ein Prozess/Thema unseres Alltags. Ihr habt einen sehr spannenden und gelungenen Zeitbogen gespannt. Ich bin froh, dass es einen Vorbereitungsworkshop in der Schule gab und wir vorbereitet in das Cabaret gegangen sind. Ob die Kinder ohne den Workshop inhaltlich zurechtgekommen wären, weiß ich nicht. Ich gratuliere euch zu dieser tollen, interdisziplinären Show, ich habe die Vorstellung sehr genossen.
(Gabi S., Lehrerin)

Schüler*innen auf der Bühne
Ich finde die 20er sind so ein spannendes Zeitalter und habe mich schon länger dafür interessiert, aber ich wusste kaum etwas über die 20er in Wien. Die Johnny Szene war mein Highlight und ich mache den Charleston jetzt on a daily base.
(Pati, mitwirkende Schülerin)

Ich will mich herzlich bei euch bedanken für alles, was ihr für uns gemacht habt und dass ihr überhaupt etwas so etwas großartiges mit uns gemacht habt. Das war eines der besten, wenn nicht DAS beste Projekt, bei dem ich beteiligt war. Von den Workshops bis zu allen Proben und Aufführungen, hat alles unglaublich viel Spaß gemacht. Danke nochmals für das Vertrauen, das ihr in uns gesteckt habt und für die tollen Texte, Kostüme und die allgemeine Atmosphäre während des ganzen Projekts. Ich werde dieses Erlebnis nie vergessen
(Nia, mitwirkende Schülerin)

Studierende auf der Bühne
Ich möchte euch für dieses wunderbare Projekt danken, das mich von Anfang an begeisterte und ich mich jeder Minute auf unsere Treffen und die Realisierung der Gedanken freute! Und ich muss sagen, es hat bei weitem meine Erwartungen und Wünsche übertroffen! Ich habe so viel in diesem Projekt gelernt und denke stets mit einem Lächeln an den Prozess! Ob es die Workshops waren, die mir sehr viel Spaß gemacht haben oder letztendlich die Proben mit den Vorstellungen! Ich hatte noch nie eine angenehmere Proben- und Vorstellungszeit als diese!
(Sarina, mitwirkende Studentin)

Thanks to Univ. Prof. Wiebke Rademacher, „Cabaret der alten Neuigkeiten“ has been one of the most engaging, interdisciplinary and art-mediation projects on our University up to date. It allowed us, as students, to work in close cooperation with industry professionals, all the while involving high school students from Vienna's 22nd district in the performative and creative process. The end result of this remarkable project was presented to the public on five completely sold-out performances at one of Vienna's most prominent theatres, „Dschungel Wien.“
I am immensely pleased and grateful for the opportunity to have worked on such a captivating piece of music and theatre performance. I sincerely hope that many more similar projects will come to fruition in the near future.
(Tin, mitwirkender Student)

Mutter einer mitwirkenden Schülerin
I’m so happy that the girls had this experience in the real theater. The play was a complex, interesting, and timely play. The team, scenarios, scenography, music everything was so impressive. Incredible, well-acted, and well-directed. It was obvious that a lot of work had been done, but really in a very good, healthy, and artistic environment. Thank you for your commitment and dedication. I’m sure all girls were very proud and excited to be part of it. And just meeting and working with this great team (actors, musicians, costumes, director) gives them the satisfaction of a job well done. I hope this wonderful example will have its sequels. (Mutter einer mitwirkenden Schülerin)

Regisseur
[In einer Nachricht an die Schülerinnen nach der letzten Vorstellung] Meiner Meinung nach, gibt es kaum was vergleichbares mit dem Gefühl, den Leuten etwas schönes anzubieten, und gleich ihre Aufmerksamkeit und Dankbarkeit spüren zu können. Ich bin so froh, dass ihr das mit uns erleben konntet in diesen vollen, crazy Tagen. Ihr habt euch alles, was wir euch angeboten haben, zum eigenen gemacht, und dann bei jeder Vorstellung noch ein bisschen besser und größer und liebevoller auf die Bühne gebracht. Es war wunderschön zu sehen. Ich habe dieses Jahr mit großem Orchester und Bands gearbeitet, in großen Theatern und vor vielen Leuten, aber nichts habe ich lieber getan, als mit euch die letzte drei Tage diese Show auf die Bühne gebracht, das meine ich aus dem Herzen. Es war mir eine Freude und eine Ehre. Ich hoffe, es war genauso für euch. Smash!
(Iñigo Giner Miranda, Regisseur)
 

 

Die Beteiligten

Regie: Iñigo Giner Miranda

Wissenschaftlich-pädagogische Leitung: Wiebke Rademacher

Ausstattung: Àngela Ribera

Film/Filmvermittlung: Gerhardt Ordnung, Fesih Alpagu

Filmhistorische Beratung: Dr. Karin Moser

Assistenz: Sarah Machač

Studierende MUK: Matilde Ceron, Tin Džaferović, Shirin Farshbaf, Aya Georgieva, Sara Kowal, Tamilla Kurmangaliyeva, Martyna Lodej, Juan David Ortiz Gallego, Wieda Shirzadeh Semsar, Sarina Wagner

Schüler:innen der Klasse 6d der AHS De La Salle Schule Strebersdorf:

On Stage: Isabelle Chirayath, Viola Emerich, Helena Fiedler, Amy Montscher, Nandana Raveendranathan, Patricia Osarovsky, Isabella Quege, Nia Todorova, Linda Tuschell, Elena Schultz

Off Stage: Yilin Liu, Philipp Rohringer, Nina Skolar

Workshops: Livia Cinque, Işil Gül, Yasmin Khreis, Mingzi Li, Julia Loos, Marie Lösch, Enya Modlik, Isabella Riegl, Chiara Romeder, Sabrina Sattler

Klassenvorstand: Miriam Schmid
 

Die Kennzahlen

5 Vorstellungen

Rund 550 Besucher*innen

5 Einführungsworkshops in Schulen

4 Workshoptage in Strebersdorf

17 paar schwarze Allstars Converse

7 Endprobentage im Dschungel

142.000 Pailletten

4 Zylinder

6 Quizfragen

35 verschlungene Pizzen

65 Perlenkettchen

5 Getränkegutscheine als Hauptpreise

79 fliegende Federn

Schüler*innen aus rund 10 Bezirken

14 Posts auf Instagram

7746 erreichte Personen auf Social Media
 

Die Vermittlungsansätze und Quellen

Das Cabaret lebt von Vielfalt und Abwechslung – und varietas war auch der Schlüssel unseres Vermittlungskonzepts. Die unterschiedlichen in den 1920er Jahren diskutierten Themen wurden mit verschiedenen Kunstformen sinnlich erfahrbar gemacht, ohne in einen didaktischen Duktus zu verfallen.
 

Nachrichtenkarussell

Um zu Beginn des Abends einen ersten Eindruck der Themen zu geben, wurde das Publikum mit auf ein Nachrichtenkarussell genommen. Die Schülerinnen der De La Salle Schule Strebersdorf lasen kurze Zeitungsnotizen aus den 1920er Jahren.

Wien, 14. Mai 1923: Warum die Wohnungsnot?

„Hunderte und Hunderte suchen eine Wohnung! Die Politik könnte das Problem in wenigen Wochen beheben, denn Wohnungen gibt es genug in Wien. Sie werden nur von großen Konzernen für Geschäftszwecke besetzt. “

Ergänzt wurden die Nachrichtenmeldungen von sogenannten Tableaux Vivants, Lebenden Bildern, einer zu Beginn des 20. Jahrhunderts verbreiteten Kunstform. Die Schülerinnen stellten historische Bildquellen nach und erweckten sie so zum Leben.
 

Neue Technologien

Neue Technologien waren in den 1920er Jahren, ebenso wie heute, ein großes Diskussionsthema, so beispielsweise die gerade entdeckte Atomkraft. Der österreichische Wissenschaftler Dr. Gustav Harter zeigte sich in einer Zeitung besorgt:

„Vorläufig ist noch höchst zweifelhaft, ob die Mensch­heit eine genügende Reife besitzt, um das neue Geschenk, das die wissenschaftliche Forschung ihr bald in den Schoß werfen wird, auch zum eigenen Besten einzusetzen; ob sie die neuen, unerhörten Möglichkeiten, die sich ihr dadurch er-öffnen werden, nicht — wie alle bisherigen Erfindungen und Entdeckungen — abermals zur Schaffung immer furchtbarerer Mordwerkzeuge ausnützen wird, anstatt sie endlich einmal dem einzig menschenwürdigen Zweck dienstbar zu machen: der Linderung von Not und Elend.“

Im unserem Cabaret wurde dieser Text über ein Klavierstück des amerikanischen Komponisten Henry Cowell gelesen, der zur gleichen Zeit an seinem Flügel mit Klängen experimentierte. Historische Laternae Magicae, Projektoren aus den 1920ern, ergänzten eine visuelle Ebene.
 

Maskulinum-Femininum & Lila Lied

Genderthemen nahmen in den 1920er Jahren ebenso wie heute einen großen Platz in öffentlichen Diskussionen ein. Auch auf den Cabaret- und Chansonbühnen wurden sie verhandelt. Zwei erfolgreiche Chansons der 1920er Jahre wurden in den Abend integriert und mit Choreographien der Studierenden der MUK in Szene gesetzt. Das Lila-Lied war eine der frühen Hymnen der Homosexuellenbewegung in Berlin:

Wir sind nun einmal anders, als die andern, Die nur im Gleichschritt der Moral geliebt, Neugierig erst durch tausend Wunder wandern, Und für die′s doch nur das Banale gibt.

Wir aber wissen nicht, wie das Gefühl ist, Denn wir sind alle and’rer Welten Kind;
Wir lieben nur die lila Nacht, die schwül ist, Weil wir ja anders als die andern sind.

In der Anmoderation des Liedes wurde die Entstehung in den historischen Kontext eingeordnet: „Nach § 129 I b des Strafgesetzes (StG) von 1852 waren homosexuelle Beziehungen als „Unzucht wider die Natur mit Personen desselben Geschlechts“ zur Gänze verboten und wurden mit schwerem Kerker von einem bis zu fünf Jahren bestraft. Zwischen 1920 und 1938 war Österreich, auf die Gesamtbevölkerung bezogen, bei der Anzahl der Verurteilungen europaweit führend.“

In Maskulinum-Femininum wurde auf textlicher Ebene humoristisch verhandelt, was maskulin am Mann und feminin an der Frau ist und inwiefern diese Kategorien austauschbar und beliebig sind. Dieses wurde mittels historischer Kostüme aus dem Fundus ART FOR ART (Vereinigte Bühnen Wien) aufgegriffen. Eines der Kostüme war zur Hälfte Anzug, zur Hälfte Abendkleid – ein männlicher Performer tanzte im Kleid, eine Tänzerin im Anzug.
 

Quiz

Ein integraler Bestandteil des Cabaretformats ist die direkte Publikumsansprache. Sie ermöglicht es, eine Nähe zum Publikum aufzubauen, die vieles ermöglicht. Die Vermittlung von Faktenwissen wird zum Spiel, die Reflexion von historischen Parallelen erfolgt subtil. In das Cabaret der alten Neuigkeiten wurde deshalb unter anderem ein Publikumsquiz integriert. Unter dem Motto „Damals oder heute, fragen wir die Leute“ wurden zehn Personen aus dem Publikum Schlagzeilen präsentiert. Sie mussten während einer musikalisch untermalten, kurzen Bedenkzeit entscheiden, ob die Schlagzeile aus den 1920ern oder 2020ern stammte.

Einige Fragen waren dabei knifflig:

„Die Energiequellen der Zukunft: Die Nutzung der Windenergie als Reaktion auf die schwindenden Ölvorräte“ Damals oder heute? Tatsächlich eine Schlagzeile aus den 1920ern.

„Kuss: Lesbisches Paar aus Kaffeehaus verwiesen“ Damals oder heute? Ein Vorfall im Café Prückel 2015.

„Diese Technologie hat unter heutigen Bedingungen das Potenzial so mächtig zu werden, dass die menschliche Spezies und alle Lebewesen auf der Erde ausgelöscht werden.“ Reden wir über die Atomenergie in den 1920ern oder KI heute? Über künstliche Intelligenz – auch, wenn es sich genauso gut auf Atomenergie hätte beziehen können.

Ähnlich der Fernsehshow für Kinder „1, 2 oder 3, letzte Chance vorbei“ musste das Publikum in einen Lichtkegel springen. Wer richtig stand, erhielt ein kleines Perlenkettchen.

Der oder die Gewinner*in konnte ein nicht-alkoholisches Getränk an der Bar des Dschungel-Cafés gewinnen. Die Einbeziehung vom Publikum ist ein bewährtes Mittel bei Kulturvermittlungsformaten für jugendliches Publikum – sie schafft Aufmerksamkeit und Identifikation und bleibt nachhaltig in Erinnerung.
 

Die Präsenz im digitalen Raum

Das Projekt wurde von Beginn an auch digital begleitet, sowohl durch die Schüler*innen selbst, als auch durch das wissenschaftlich-pädagogische Team. Dabei wurden unterschiedliche Ebenen bespielt. Einerseits wurden Social Media Kanäle (TikTok, Instagram, Facebook) genutzt, um die Veranstaltung zu bewerben. Darüber hinaus wurde ein interaktives Schulmaterial entwickelt. Auf einer liebevoll gestalteten, gedruckten Faltbroschüre waren QR-Codes zu finden, die beispielsweise auf eigens produzierte Tanz- und Bastel-Tutorials auf Instagram und YouTube führten sowie Einblicke in Digitalisate historischer Zeitungen auf einer Zeitschriftendatenbank boten

Nicht nur von Veranstalterseite wurde Social Media genutzt, sondern vor allem auch durch die Schüler*innen selbst wurde der Prozess auf den eigenen Seiten begleitet, sodass auch Zielgruppen erreicht wurden, die die üblichen Kanäle der MUK bzw. des Dschungels nicht nutzen.

Schließlich wurde eine der Vorstellungen durch ein professionelles Kamerateam begleitet und aufgezeichnet. Dieses Team erstellte auch eine etwa 10-minütige Kurzdokumentation, in der das künstlerisch-wissenschaftliche Team ebenso wie die beteiligten Schüler*innen und Studierenden zu Wort kommen.

Cabaret der alten Neuigkeiten

Eine Produktion der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien im Dschungel Wien in Kooperation mit der De la Salle Schule Strebersdorf

Gefördert von der Stadt Wien Kultur im Rahmen des Projekts »Vom Wissen der Vielen – Wissenschaftsvermittlung in Wien«

Herzlicher Dank an das Filmarchiv Austria sowie das Österreichische Filmmuseum für die Bereitstellung von historischem Filmmaterial

Das Konzertpiano wurde beigestellt von G.I.STINGL Klaviere (www.stingl-klavier.at)

Grafische Gestaltung: Luisa Franz Kleopatra

 

Dokumentation „Cabaret der alten Neuigkeiten“

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